„Unsere Klus“, so nennen die Frotheimer ihr Geburtstagskind, das am 9. August 1818 von dem Gehlenbecker Prediger Pastor Habbe eingeweiht wurde. Sie ist zu ihrem 175. Geburtstag in ihrem Urzustand erhalten und erinnert an das kulturelle, kirchliche und dörfliche Leben in Frotheim. Sie ist aus dem Dorfbild als Wahrzeichen der Ortschaft nicht wegzudenken.

Der Beschluss, in Frotheim eine Kapelle zu bauen, ist kein spontaner Entschluss aus dem Jahre 1818. Bereits um die Jahrhundertwende bemühten sich die Frotheimer um einen sakralen Bau. Schon war das Holz dazu geschlagen und bearbeitet, doch die Kriegswirren zu Beginn des 19. Jahrhunderts verzögerten das Vorhaben. Nun endlich sollte der Plan Wirklichkeit werden.

kluszeichnungDie Frotheimer Schulchronik berichtet dazu:

„Im Jahre 1818 erneuerte sich bei vielen Frotheimern der früher gehegte Wunsch, für sich und ihre Nachkommen ein zu gottesdienstlichen Zwecken errichtetes Haus zu haben. Um allgemein den Sinn für dieses Gute zu erwecken und die Gefühle inniger Zuneigung hierfür gleichfalls zu stärken, wurde bei ihren Zusammenkünften von dem Nutzen eines solchen Gebäudes und dem großen Nachteil, den sie bekanntlich bisher in Ermangelung desselben erfahren, vielseitig ein Gespräch eingeleitet. Obgleich zu diesem Bau mehrere disponible Mittel vorhanden waren, die schon zur Deckung der Baumaterialien anzuwenden gewesen, so wurde doch zuvörderst von Haus zu Haus gegangen und eine nicht geringe Summe freiwilliger Gaben nicht nur von Seiten der Frotheimer, sondern selbst auch von Ausheimischen aus religiösen Absichten zusammengebracht. Nur die 8 Steller Bauern (gemeint sind die acht Stellerieger Bauern), der Altarmann Schofeld ausgenommen, versagten sowohl ihre Teilnahme als ihre Beiträge zu demselben unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, da bei der Schule und nicht im Dorfe der rechte Kapellenplatz sei und im ersten Falle sie sich keineswegs hiervon ausschließen würden. Ungeachtet ihrer Widersprüche wurde mit dem Kapellenbau begonnen und in diesem Jahr mit 1200 Reichstalern Baukosten nach dem von ihnen entworfenen Plan willkürlich zustande gebracht.“

Weiter schreibt der Chronist Lehrer Detering:

„Was nunmehr noch erforderlich war, den Gemeindegesang zu verbessern, das Herz des Sängers zur höchsten Andacht zu stimmen und die Wirkung der Melodie zu verstärken, suchte ich durch meine Bemühungen der Kapelle dadurch zu verschaffen, daß ich den Frotheimern eine vom Gut Hüffe für 80 Reichstaler gekaufte Orgel für 70 Reichstaler zur Aufstellung in der Kapelle überließ. Die dafür erlassenen 10 Reichstaler sind zum Besten der Kapelle unter dem Verzeichnis als wohltätiger Geber aufgeführt. Am 9. August 1818 war das von Herrn Pastor Habbe angeordnete Fest der Einweihung. Von einer im Schulhaus sich versammelten zahlreichen Gesellschaft von Menschen wurde der Prediger unter den größten Liebeserweisungen empfangen und von der Schule bis zur Kapelle von dem Lehrer und seinen Schülern mit einem zweistimmigen Gesang begleitet.“

Soweit die Schulchronik von Frotheim.

Im Jahre 1818 herrschte in Deutschland eine große Armut. Eben auch in unserer Gemeinde. Dennoch entschloss man sich trotz der schlechten Zeiten zum Bau der Kapelle.

klustafelEine Gedenktafel an der Nordseite nennt 87 Namen der

„edlen Stifter und wohltätigen Geber der Kapellengemeinde“,

so dass diese Kapelle mit erheblichen Eigenmitteln der Gemeindemitglieder errichtet wurde.

Für den Bau der Kapelle in dieser Zeit waren zwei Gründe maßgebend. Man hatte nach langen Verhandlungen ein Grundstück für einen eigenen „Leichenhof“ in Aussicht. Damit ersparte man sich bei Beerdigungen den weiten Weg zum Kirchhof nach Gehlenbeck. Für die Errichtung eines eigenen Leichenhofes genügte jedoch nicht nur ein Grundstück zur Beisetzung der Toten, man brauchte ebenso eine Gelegenheit, um den Trauergottesdienst, der unmittelbar nach der Beisetzung stattfand, abhalten zu können So war die Kapelle die unabdingbare Voraussetzung für die Errichtung eines „Toten- oder Leichenhofes“. Zum anderen aber wollte man den älteren Bewohnern den weiten Weg zur Kirche nach Gehlenbeck ersparen und die Kapelle auch für gottesdienstliche Zwecke nutzen. Die Frotheimer brauchten also einen Platz für die Bestattung ihrer Toten, sie brauchten daneben einen Raum für gottesdienstliche Zwecke. Darum erbaute man diese Kapelle, darum aber brachte man auch in dieser Notzeit große Opfer. Da die Kapelle jedoch nicht zu heizen war, konnte hier nur an wenigen Sonntagnachmittagen im Sommer Gottesdienst und Abendmahlsfeier abgehalten werden. Dieser Brauch bestand noch bis vor wenigen Jahrzehnten. Der Pfarrer der Kirchengemeinde Isenstedt-Frotheim war laut Beschluss des Presbyteriums verpflichtet, mehrere Male im Sommer nachmittags in der Klus einen Altengottesdienst mit Abendmahlsfeier abzuhalten. Noch zu Zeiten von Pastor Heufer war dies so.

 

klus_alt2Die Kapelle ist ganz in der Art, wie man früher die Bauernhäuser erbaute, errichtet worden. Ein schlichter Fachwerkbau mit 3-seitigem Chor und einem Glockenreiter über der Fassade. Das Innere bildet einen schlichten Saal mit flachem Holzdach. Der Boden der Kapelle ist mit Ziegelsteinen ausgelegt. In der Kapelle befindet sich noch das alte Eichengestühl aus dem Jahre 1818. Es ist zum Sitzen unbequem. Darin lag eine bestimmte Absicht. Es sollte keinem Gottesdienstbesucher zu gemütlich gemacht werden, so dass er einschlief. Der Wandanstrich war in früherer Zeit sehr schlicht gehalten. Kirchenmaler Bußmann stellte bei der Renovierung Anfang der 30er Jahre unter dem Kalkanstrich Bilder aus alter Zeit fest, die als Grundlage für die Neugestaltung dienten. An der Ostseite im dreiseitigen Chor befindet sich der Altar, darüber die Orgel und vor dem Chor an der Südseite die Kanzel. Die alte Zugglocke, auch Betglocke genannt, mahnte die Gemeindemitglieder dreimal täglich zum Gebet, und zwar morgens um 7 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr. Die Klusglocke bestimmte somit auch weitgehend den Tagesablauf. Weiterhin rief sie die Bewohner zum Gottesdienst, kündete einen Todesfall in der Gemeinde an und begleitete die Toten auf ihrem letzten Wege. Stürmisch geläutet rief sie die Bewohner zur Hilfe auf, wenn ein Feuer im Dorf ausgebrochen war. So begleitete sie in guten und bösen Tagen das Leben der Frotbeimer. Die Glocke trug die Inschrift:

„Goß mich Heinrich Wilhelm Altenburg in Bückeburg 1790“.

Eine Eintragung im Bauerschaftsbuch belegt, dass sie auch bereits im Jahre 1790 von der Gemeinde angeschafft wurde, und zwar zum Preise von 47 Reichstalern, 4 Groschen und 4 Pfennigen. Bröker (Nr. 44) holte sie mit seinem Pferdegespann aus Bückeburg und erhielt dafür 2 Taler Fuhrlohn. Während des letzten Krieges sollte sie eingeschmolzen werden, doch kehrte sie unbeschadet nach dem Krieg an ihren alten Platz zurück.

Bis zur Errichtung der neuen Friedhofskapelle hat sie in der alten Klus ihren Dienst getan. Zuletzt versah Anton Bünemann neben dem Amt des Leichenbestatters 27 Jahre lang das Amt des Glockenläutens bis zu seinem Ausscheiden. Die alte Klusglocke fand ihre Heimstatt im Turm der neuen Frotheimer Volksschule.

kluseingangAm Torsturz an der Nordseite der Kapelle befindet sich die Inschrift Psalm 26 Vers 8:“Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnet“

An der Giebelseite steht auf einem Querbalken:“Diese Kapelle ist im Jahre 1818 gebaut. Den 28. Februar aufgerichtet. Zu Zeiten des Predigers Habbe und des Schulleiters Detering hierselbst und Altarmann Schofeld. Baumeister J.W.Quade“.

Nördlich und östlich der Klus dehnt sich der Friedhof aus, der 1842 angelegt wurde.

Erwähnt sei noch, dass bis in die 30er Jahre dieses Jahrhunderts an der Decke der alten Klus zwei Ketten mit bunten ausgeblasenen Eiern angebracht waren. Niemand weiß dies so recht zu deuten. Man nimmt an, dass diese alte Sitte mit der Osterheide, einem Ortsteil von Frotheim, in Verbindung zu bringen ist. Die Herkunft dieses Namens ist nicht genau erwiesen. Hier und da führt man die Bezeichnung darauf zurück, dass dieser Ortsteil im Osten der Gemeinde gelegen ist. Zutreffender ist vielleicht die Ansicht alter Bewohner, dass der Ortsteil mit dem Namen der Ostergöttin „Ostera“, der in heidnischer Zeit Eier dargebracht wurden, zusammenhängt. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde noch alljährlich im Frühjahr ein Waldgottesdienst im Ortsteil Osterheide abgehalten.

In den 60er Jahren diente die Klus zunächst behelfsmäßig als Beerdigungskapelle. Nach dem Bau der neuen Friedhofskapelle wurde sie für diesen Zweck nicht mehr gebraucht. Sie drohte mehr und mehr zu verfallen. Das Dach war undicht, die Fenster waren schadhaft. Da die Klus unverschlossen war, konnte sie von jedermann unbeaufsichtigt betreten werden. In dieser Zeit wurden auch die beiden Engel, „Putten“ genannt, die sich an den Seiten des Altars befanden, entwendet. Sie konnten nicht wieder herbeigeschafft werden.

Im Jahre 1967 hat sich der Landeskonservator von Westfalen intensiv um die Erhaltung und Wiederherstellung der Kapelle bemüht, so dass der sich schon im Gespräch befindliche Abbruch verhindert wurde. Für die notwendigen Renovierungsarbeiten (Wiederherstellung des historischen Erscheinungsbildes) war der Landeskonservator bereit, Gelder bereitzustellen. Im Jahre 1975 stellte der Bauausschuss der Stadt Espelkamp zur Renovierung der Klus und zur Erhaltung der Bausubstanz 43.200 DM zur Verfügung. Das Dach wurde erneuert, Fensterscheiben ersetzt und die Fachwerkwände, die herauszufallen drohten, instandgesetzt. Damit konnte der drohende Verfall zunächst gestoppt werden. Die Renovierung des Westgiebels, der morsch geworden war, erfolgte im Jahre 1987. Nach Abschluss der Arbeiten steht die Klus wieder im alten Glanz der Öffentlichkeit zur Verfügung. Über die weitere Verwendung der Klus ist bisher noch nicht endgültig entschieden worden, sie wurde aber in letzter Zeit einige Male für kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Die Frotheimer lieben ihre „alte Klus“, die nunmehr unter Denkmalschutz steht. So wird sie auch in Zukunft ein Zeugnis aus vergangenen Zeiten sein. In diesem Jahr steht sie nun im Mittelpunkt mehrerer Veranstaltungen in Frotheim. Möge sie noch lange der Gemeinde erhalten bleiben.

H. Brinkmann