klusalt
Ein in der Schule aufbewahrtes Notationsbuch enthält Eintragungen über die Ausgaben und Einnahmen der Bauerschaft Frotheim von 1775 bis zum Jahre 1832. Da die Errichtung der Frotheimer Fachwerkkapelle in diesen Zeitraum fällt, kann man diesem Buch interessante Einzelheiten über den Bau und die Finanzierung entnehmen.

Die Gesamtkosten beliefen sich auf 1122 Reichstaler, 4 Groschen, 4 Pfennige (1 Reichstaler = 24 Gute Groschen, 1 Groschen = 12 Pf.). Im Gegensatz zu heute überstiegen die Materialkosten bei weitem die Lohnkosten, wie die folgende Aufstellung zeigt (aufgeführt werden hier nur die größeren Beträge, gerundet auf volle Taler):

Materialkosten
Holz 416 Taler
Dachziegel 47 Taler
Ziegelsteine 42 Taler
Kalk 25 Taler
Nägel 16 Taler
Farbe und Leim 15 Taler
Sammet (für Altar mal Kanzel) 6 Taler
Summe: 567 Taler
Lohnkosten:
Zimmererarbeiten (Zimmermeister Quade) 105
Tischlerarbeiten (Tischlermeister Flachmeier) 101
Glaserarbeiten (Glaser Noelke) 39
Maurerarbeiten (Maurermstr.Göhring) 32
Orgelbauarbeiten (Orgelbauer Nord, Minden) 30
Malerarbeiten (Maler Klaus, Minden) 25
Schmiedearbeiten (Schmied Hokmann) 25
Sägelohn (Zuschneiden des Holzes für die Bänke 5 durch Schrage Nr. 85) 5
Summe: 362

Das Holz zum Kapellenbau lieferten 29 Frotheimer Landwirte. Dafür zahlte ihnen die Bauerschaft Beträge zwischen 1 und 44 Reichstalern. Rabe (Nr. 31) erhielt für einen Baum den Spitzenpreis von 32 Talern, Grauenkamp (Nr.11) bekam für einen Baum 30 Taler. Hierbei muss es sich um gewaltige Eichenbäume gehandelt haben. Auch von außerhalb wurde Holz bezogen: Distelhorst (Minden) lieferte Dielen (= Bretter) für 101 Taler, Höpker (Gehlenbeck) für 7 Taler.

Die Dachziegel kaufte man von Schofeld (Nr. 3), die Ziegelsteine vom Colon Schwein (Nr. 36), Sandkrüger (Nr.54), Willmann (Gravenstein, Gehlenbeck) und Welpott (Lübbecke). Den Kalk holte man von Lüker aus Isenstedt, die Nägel aus Lübbecke und Hille. Kaufmann Mencke in Lübbecke lieferte den überwiegenden Teil der Farbe.

Vom Gut Hüffe erwarb man für 80 Taler die Orgel, außerdem für 7 Taler 12 Groschen die Kanzel, eine Treppe (wahrscheinlich die Kanzeltreppe) und einen Hahn, der früher vermutlich den kleinen Turm der Klus schmückte.

30 Taler berechnete der Kaufmann und Gastwirt Hildebrand (Nr. 67) für „Unkosten des Kapellenbaus“. Es handelte sich dabei um „Verzehrkosten“ bei der Errichtung und Einweihung der Kapelle. Dieser Betrag wurde bei der späteren Rechnungsprüfung durch die Bauerschafts-Deputierten moniert, da er nicht genau belegt war. Der Vorsteher und Kaufmann Hildebrand wurden aufgefordert, die Belege dafür nachzureichen.

Die von auswärts kommenden Maler (Kunstmaler), Maurer und Glaser wurden von Colon Treseler (Nr. 38) beköstigt. Für die Beköstigung erhielt Treseler 8 Taler.

Interessant sind auch folgende Eintragungen im Notationsbuch, weil sie Auskunft geben über einfaches, aber umweltfreundliches Bauen:

  • „Für Kuhhaar zur Vermischung des Kalkes: 7 Groschen“
  • „Dem Mencke für Lackmoos zum Weißen: 5 Groschen“
  • „Dem Werges in Rahden für Leim und Kienruß: 2 Taler 16 Groschen“

Da man früher noch keinen Zement kannte und infolgedessen mit Kalkmörtel mauerte, versuchte man, diesem durch Beimischung von Kuhhaaren mehr Festigkeit zu verleihen. Mit dem Lackmoos ist Lackmus gemeint, ein aus Flechten gewonnener blauer Farbstoff, der dem zum Weißen benutzten Kalk eine leicht bläuliche Tönung gab. Kienruß wurde durch Verbrennen harzreichen Kiefernholzes (=Kienholz) gewonnen und diente ebenfalls als Farbstoff.

Der Bau der Kapelle erfordert natürlich viele Behördengänge und Besorgungsfahrten (mit Pferdefuhrwerken). Insgesamt ergibt sich eine Wegstrecke von über 1000 Kilometern, das entspricht der kürzesten Straßenverbindung von Flensburg bis München. Der Vorsteher Schweppe (Nr. 58) legte allein ca. 550 km wegen des Kapellenbaues zurück, u.a. war er neunzehnmal in Lübbecke, dreimal beim Landrat Busche Münch in Benkhausen und zweimal in Minden. Für den Weg nach Lübbecke erhielt er 4 Groschen, nach Minden 10 Groschen. Aber auch der Altarmann Schofeld sowie Buhrmann, Schumacher und Hellmann waren wiederholt im Auftrage der Bauerschaft für den Kapellenbau unterwegs. Zimmermeister Quade erhielt 6 Groschen für einen Weg nach Haldem,

„um die daselbst befindliche Kapelle zu betrachten“.

Er holte sich dort wohl Anregungen für den Frotheimer Kapellenbau. Insgesamt fielen für Wegekosten knapp 12 Taler an.

Aus Eintragungen über zwei Behördengänge des Vorstehers geht hervor, dass vorübergehend ein Baustopp verordnet wurde:

„Schweppe wegen dem Verbot des Kapellenbaues 1 mal nach Benkhausen“ (zum Landrat) und „derselbe 1 mal nach Lübbecke, um wegen dem Kapellenbau beim Bürgermeister eine Vorstellung an die höhere Behörde machen zu lassen“.

Aus einem späteren Schreiben des Vorstehers an die Regierung kann man schließen, dass Gegner des Kapellenbaus noch nach Baubeginn versucht hatten, das Vorhaben durch ein Bauverbot zum Scheitern zu bringen. Es handelte sich um die Stellerieger Bauern (mit Ausnahme des Altarmanns Schofeld Nr. 3), die nicht gegen die Klus an sich, aber gegen den von der Bauerschaftsmehrheit beschlossenen Standort der Klus waren. Sie vertraten die Meinung, die Kapelle gehöre in die Nachbarschaft der Schule, konnten sich aber nicht durchsetzen. In dem erwähnten Schreiben des Vorstehers heißt es:

„Von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit dieses Kapellenbaus hat sich ja Eure Hochlöbliche Regierung unterm 30. April 1818 selbst überzeugt und darauf die Fortsetzung eines solchen Baues genehmigt. “

Wenn man bedenkt, da der Jahresetat der Bauerschaft Frotheim im Jahre 1817 etwa 300 Taler ausmachte, sind die Kosten für den Kapellenbau natürlich kein Pappenstiel. Um diese Unkosten zu decken, wurde zunächst einmal eine Sammlung in der Gemeinde durchgeführt. Abgesehen von einer herausragenden Einzelspende in Höhe von 22 Talern (Weeber Nr. 16) bewegen die Spenden sich zwischen 1 und 13 Talern. Auch einige Auswärtige spendeten für die Frotheimer Klus, z.B. der Prediger Habbe zu Gehlenbeck, Kaufmann Hille in Lübbecke und Willmann auf dem Gravenstein. Die sprichwörtliche „westfälische Sturheit“ hielt die Stellerieger Bauern (Schofeld ausgenommen) wohl davon ab, sich aus dem oben genannten Grund an der Spendenaktion zu beteiligen. Insgesamt beliefen sich die Spenden auf 334 Taler. Das ist eine beachtliche Summe, zumal in dieser Zeit noch große Not herrschte.

Durch den Verkauf von neun Grundstücken (zum Teil Moorteile und Kuhlen) erzielte die Gemeinde eine Einnahme von 391 Talern 12 Groschen. Dazu kamen noch steuerliche Abgaben der 13 Teicher (Diekerorter Bauern) in Höhe von 39 Talern 12 Groschen, so dass als Einnahmen 765 Taler den Ausgaben in Höhe von 1122 Talern 4 Groschen 4 Pf. gegenüberstanden. Das Defizit in Höhe von 367 Talern 4 Groschen 4 Pfennigen verminderte sich noch um 11 Taler. Diese musste Vorsteher Schweppe zurückzahlen, denn er hatte sich 2% der Gesamtkosten für den Kapellenbau (22 Taler) für seine Rechnungsführung und sonstigen Bemühungen „zugute gerechnet“. Dies wurde bei der Rechnungsprüfung beanstandet mit der Begründung, der Vorsteher habe seine Wege bezahlt bekommen, so dass ihm höchstens noch 1% (also 11 Taler) zugebilligt werden könnten. Somit beliefen sich die ungedeckten Kosten auf 346 Taler 4 Groschen 4 Pfennige.

klusinschriftDie Bauerschaft hatte zur Finanzierung des Baues bereits im Jahre 1818 zwei Darlehen aufgenommen, und zwar hatte man sich von Buhrmann (Nr. 60) 300 Taler und von Weeber (Nr. 16) 100 Taler geliehen. Durch Zuschläge auf die Grundsteuer konnten die Darlehen ca. eineinhalb Jahre später zurückgezahlt werden. Sowohl diese Zuschläge (sogenannte Kontributionen) als auch die für die Darlehen zu zahlenden Zinsen (30 Taler 18 Groschen für eineinhalb Jahre, das entspricht einem Zinssatz in Höhe von ca. 5 %) riefen nochmals den Widerspruch der acht Stellerieger Bauern hervor. In der am 15. Januar 1820 durchgeführten Bauerschaftsversammlung erklarte der Colon Steinmann ab Wortführer der Gegner des Kapellenbaues, zu diesen Zinsen,

„dessen Kapital doch eigentlich zur Deckung der Kapellen-Ausgaben diente, auf keinen Fall in der Güte seinen Beitrag herzugeben“.

Daraufhin äußerten andere Anwesende die Absicht, in diesem Falle bestimmte Kommunalabgaben nicht mehr leisten zu wollen.

Vorsteher Schweppe bat nun den Landrat als vorgesetzte Behörde, zu entscheiden, ob sich einzelne Gemeindemitglieder von solchen Beiträgen ausschließen könnten. Im Schreiben des Vorstehers an den Landrat heißt es, falls „die Widerspenstigen“ mit ihrem Ansinnen recht bekämen,

„so wird es nie einem gelingen, die Bauerschaft zur Einigkeit zu führen“.

Der Landrat entschied, dass die Weigerung unbegründet sei und auch die Aufschlagsgelder zur Grundsteuer von allen ebenso entrichtet werden mussten wie die übrigen festgesetzten Kommunalabgaben. Durch diese Entscheidung des Landrates wurde dem unseligen Streit ein Ende gesetzt. Zu guter Letzt waren auch sicherlich die Gegner des Kapellenstandortes froh, dass Frotheim nun endlich die lang ersehnte eigene Kapelle hatte.

klusfindlingZum Schluss sei noch erwähnt, dass vom Jahre 1822 an „dem Glokkenküster Steinmann“ jährlich 1 Taler 12 Groschen gezahlt wurde für „Balgentreten und Renovation der Kapelle“. Für diesen bescheidenen Lohn läutete er dreimal täglich und zu besonderen Anlässen die Glocke, trat bei gottesdienstlichen Feiern den Blasebalg der Klusorgel und sorgte dafür, dass die Frotheimer Klus stets einen sauberen und würdigen Eindruck vermittelte, wie es einem Gotteshaus gebührt.

H.-G Berner