konventkDoch war der alte Glaube nicht ganz ausgestorben. Es gab in unserem Kirchspiel und auch in unserer Nachbarschaft noch Gemeindeglieder, die diesem neuen Unglauben nicht erlegen waren. Wie hatten sie über die vielen Jahrzehnten, in denen von der Kanzel der Vernunftglaube verkündigt wurde, in ihrem Glauben fest bleiben können? Sie hatten sich zu „Versammlungen“ zusammengeschlossen. Am Sonntag Nachmittag oder an einem Abend in der Woche versammelten sich Gläubige Christen in einem Privathaus. Sie begannen ihre Zusammenkünfte mit einem Kirchenlied, dann wurde eine Predigt aus einem Predigtbuch (etwa von Luther) vorgelesen und besprochen. Anschließend wurde von einem oder mehreren gebetet und mit einem Schlusslied endete diese Versammlung. Auf diese Art und Weise haben viele trotz des Rationalismus auf den Kanzeln ihren Glauben halten können.Für den rationalistischen Pfarrer waren diese, wie Sie sagten, „außerkirchlichen Versammlungen“ ein Ärgernis und sie gingen gegen sie mit Polizeigewalt vor. Es gab polizeiliche Vernehmungen und auch oft empfindliche Geldstrafen. Dieser Zustand erscheint uns heute unverständlich. Um das zu verstehen, muss an drei Tatsachen erinnert werden, die heute ganz anders sind:

  1. histkartUnsere Kirchengemeinde gehörte zum Königreich Preußen, an dessen Spitze der König in Berlin stand. Dieser hatte sein Land in Provinzen eingeteilt, die wiederum in verschiedene Regierungsbezirke unterteilt waren. Wir gehören zur Provinz Westfalen und zum Regierungsbezirk Minden.
  2. Alle Kirchengemeinden Preußens zusammen bildeten die preußische Landeskirche, die vom König von Preußen geleitet wurde. Der Pfarrer war damals Staatsbeamter (zum Glück ist er das heute nicht mehr). Als Staatsdiener hatte der Pfarrer dafür zu sorgen, dass in seiner Kirchengemeinde alle gesetzlichen und polizeilichen Verordnungen genau befolgt wurden.
  3. Der Staat aber hatte strenge Vorschriften erlassen, die alle Versammlungen, gleich welcher Art, verboten, weil man große Angst vor einer Revolution hatte. Jede Versammlung, so meinte man bei der Regierung, konnte zur Vorbereitung einer solchen Revolution benutzt werden. Darum brauchte man der Polizei nur eine solche „außerkirchliche Versammlung“ zu melden. Dann schritt sie sofort dagegen ein.

volkengWie das zuging, hat Pastor Johann Heinrich Volkening (der große Erweckungsprediger Minden-Ravensbergs) aus seiner Jugend erzählt. Die Familie Volkening aus dem benachbarten Hille hielt sich auch zu den „Versammlungen“. An einem Sonntag machte sich der Vater Volkening auf, um die Versammlung in Blasheim zu besuchen, und nahm den kleinen Heinrich mit. Als sie dann am Abend nach Hause gehen wollten, wurden sie vom Ortspolizisten, der vom dortigen Pastor benachrichtigt war, verhaftet und ohne Erbarmen wie Verbrecher für die Nacht ins Spritzenhaus eingesperrt. Am anderen Morgen erhielten sie einen strengen Verweis und konnten dann nach Hause gehen.

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