In unserem Kirchspiel war die Lage für die „Versammlungen“ wesentlich besser, weil Pastor Redeker, von 1828-1859 in Gehlenbeck, jenen Gemeindegliedern, die zu den Versammlungen gingen, sehr wohlgesonnen war. Da ihm die Arbeit in der großen Kirchengemeinde Gehlenbeck mit ihren fünf Dörfern zu viel wurde, erhielt er im Jahre 1838 zu seiner Unterstützung einen Hilfsprediger, Florenz August Müller, der ganz auf der Seite der Versammlungen stand. Dieser „predigt die Grundlehren unseres Bekenntnisses so zuversichtlich und so eindringlich, so populär, dass man ebenso den Eindruck, den seine Vorträge auf das Volk machen, wie die großen Wirkungen, die sie hervorgerufen haben, begreift. Da ist nicht Beredsamkeit, aber Kraft, Einfalt und Wahrheit.“ (So heißt es in einem Bericht des Präses Jacobi von 1842 über ihn). Zu den Gottesdiensten dieses jungen Pastors strömten die Leute am Sonntag nach Gehlenbeck, nicht nur die einheimischen, sondern auch auswärtige aus dem umliegenden Gemeinden. Daher war die Kirche in Gehlenbeck stets überfüllt. Häufig genug fand der Inhaber eines Kirchensitzes seinen Platz, den er nach damaliger Kirchenordnung gekauft hatte, von einem auswärtigen schon besetzt, wenn er zum Gottesdienst kam. Durch die Predigten vom Pastor Müller angeregt, nahm die Zahl der Versammlungsteilnehmer stark zu. Denen, die von dieser Botschaft ergriffen waren, war es nicht genug, nur einmal in der Woche die Botschaft von der Errettung aus ihren Sünden in der Kirche zu hören. Sie kamen auch am Sonntag vor und nach dem Gottesdienst, oder am Abend eines Wochentages in den Häusern zusammen, um sich gegenseitig im Glauben zu bestärken, dass nicht unser eigenes Tun und unsere eigene Vortrefflichkeit, sondern allein Christi Gnade uns aus unseren Sünden retten kann. „Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus und sein Blut“: das wollten Sie sich immer neu bezeugen und sich gegenseitig ermuntern, Gott dafür zu danken, dass er so große Dinge an ihnen getan habe. Zugleich verfolgten sie noch ein missionarisches Ziel. Sie wollten die, die noch abseits standen für den Glauben an den Sündenheiland Jesus gewinnen. Darum beteten sie in Ihrem Versammlungen laut für die Bekehrung derer, die noch abseits standen. Dieses Verhalten fand nicht bei allen Gemeindegliedern Zustimmung und Anerkennung. Viele empörten sich gegen den Bekehrungseifer der Versammlungsleute. Man warf ihnen vor, dass sie hochmütig auf die herabsähen, die nicht an ihren Versammlungen teilnähmen. Auch dem Pastor Müller wurde vorgeworfen, dass er mit seiner Schroffheit, mit der er die Bekehrung forderte, die Leute vor den Kopf stoßen.Wie viele dieser Vorwürfe berechtigt waren, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Es mutet uns aber doch sehr merkwürdig an, wenn auch von Kindererweckung in unserer Gemeinde berichtet wird und wenn die erweckten Kinder dann mit den nicht Erweckten nicht mehr auf einer Schulbank sitzen wollten. Bei diesen Vorkommnissen gilt wohl das Wort des großen Erweckungspredigers Volkening: „Wo Wuchs ist, da ist auch Auswuchs.“

Zu Beginn des Jahres 1840 kam der Konflikt in unserer Kirchengemeinde zum offenen Ausbruch. Am Neujahrstag war die Zahl der Gottesdienstbesucher größer denn je. Pastor Müller wies die Konfirmanden an, ihre Plätze den auswärtigen Besuchern zur Verfügung zu stellen. Als einige von ihnen sich weigerten, dies zu tun, wurden sie unter Aufsicht des Lehrers in die Sakristei eingesperrt. Unter diesen Konfirmanden befand sich auch der Sohn des Ortsvorstehers aus Frotheim, eines erbitterten Gegners der „Versammlungen“. Dieser beschritt den Weg der Beschwerde beim Superintendenten und bei der Regierung in Minden. Bei der Regierung in Minden lagen schon mehrere Beschwerden gegen die „Versammlungen“, aber auch Beschwerden von Mitgliedern der „Versammlungen“ gegen die Polizeiaktionen vor. Die Regierung war darum genötigt, diese ganzen Angelegenheiten der „Versammlungen“, die sie Conventikel nannte, gründlich zu untersuchen. Deshalb beauftragte sie den Landrat des Kreises Lübbecke, die Leiter der Conventikel und ihre Gegner zu vernehmen. Aus diesen Vernehmungen des Landrats fertigte die Regierung in Minden einen umfangreichen Bericht über ‚das Conventikelwesen im Kreise Lübbecke‘ an, den sie am 24. Oktober 1841 an das Ministerium für geistige Angelegenheiten in Berlin sandte. Am Ende kommt dieser Bericht zu folgendem Schluss: „Nach unserer Ansicht kann die Angelegenheit sich nicht selbst überlassen bleiben. Es ist vielmehr zur Vergütung größerer Übel ein Einschreiten des Staates nötig.“ Deshalb bittet die Regierung um die Erlaubnis, mit polizeilichen Maßnahmen gegen die Conventikel vorgehen zu dürfen.

Doch das Ministerium teilte die Auffassung der Regierung in Minden gar nicht. Es machte deutlich, dass die Untersuchung über das Conventikelwesen keine Angelegenheit polizeilicher Vernehmungen sei. Da es eine kirchliche Angelegenheit sei, müsse die ganze Angelegenheit noch einmal durch kirchliche Stellen untersucht werden. Zu diesem Zwecke beauftragte das Ministerium am 24. Januar 1842 den Präses der westfälischen Provinzialsynode, den Pastor Jacobi aus Petershagen mit der erneuten Untersuchung dieser Angelegenheit. Dieser machte sich sofort an die Untersuchungen und hatte in zwei Monaten seinen Bericht schon abgeschlossen. Dabei kam ihm zugute, dass er die Verhältnisse im Kreise der Brücke genau kannte. Wenn man seinen Bericht liest, spürt man, wie sachlich und nüchtern er urteilt, wie gründlich er allen Anschuldigungen und Verdächtigungen nachgeht und wie klar er die angetroffenen Zustände darstellen kann. Einwandfrei wies er nach, dass die Versammlungsleute gute Christen und treue Anhänger der Kirche waren. Übertreibungen bei den Versammlungen hat er zurechtgerückt, schwärmerische Auswüchse kritisiert und abzustellen versucht. Sein Bericht hat dafür gesorgt, dass die „außerkirchlichen Versammlungen“ in das Leben der Kirchengemeinde eingegliedert wurden.

Wie sehr ihm das gelungen ist, erkennen wir an der Tatsache, dass aus den Mitgliedern der Conventikel die ersten Missionare kamen, die von der Rheinischen Missionsgesellschaft in Wuppertal ausgesandt wurden. Aus den Conventikeln kamen die Diakone und Diakonissen. Ihre Mitglieder bildeten die ersten Jungmänner-Vereine und Posaunenchöre. Ein Gemeindeleben ohne die Vorarbeit dieser Conventikel können wir uns gar nicht mehr vorstellen. Um die erhitzten Gemüter zu beruhigen, waren auch einige personelle Umbesetzungen in der Pfarrerschaft nötig. Der Superintendent unseres Kirchenkreises, der die Conventikel haste, wurde nicht wieder als Superintendent gewählt. Der Hilfsprediger Müller aus Gehlenbeck wurde 1843 nach Gütersloh versetzt. 16 Jahre später, im Jahre 1859, kehrte er als gereifter Seelsorger nach Gehlenbeck zurück und hat in großem Segen bis 1888 wirken können.

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