Es stand auch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit dem kirchlichen Leben nicht eben gut. Unter den Gebildeten, zu denen sich auch die meisten Pfarrer rechneten, war in der damaligen Zeit eine geistige Richtung verbreitet, die man mit einem Fremdwort „Rationalismus“ nennt. Dieses Wort stammt von dem lateinischen Wort „ratio“, zu deutsch: Vernunft. Nach der Auffassung ihrer Anhänger, war nur gültig, was der Vernunft, dem gesunden Menschenverstand entsprach. Alle Aussagen der Bibel oder des Glaubensbekenntnisses, die nicht mit der Vernunft übereinstimmten, wurden für ungültig erklärt. Die Vernunft setzt der göttlichen Offenbarung Maß und Grenze. Darum konnten die Vertreter des Rationalismus mit der Auferstehung Jesu, mit der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, mit der Erlösung des Menschen durch Christi Kreuzesopfer nichts anfangen. Besonders Jesu Wunder machte Ihnen große Schwierigkeiten. Wie sollte ein rationalistischer Pfarrer am Sonntag predigen, wenn eine Wundergeschichte im Predigtplan stand? In einer Gemeinde unserer Umgebung, so hat man mir glaubhaft erzählt, soll ein Pastor am Sonntag Laetare (im dritten Sonntag vor Ostern) über die Geschichte von der Speisung der 5000 Mann etwa folgende Ausführungen gemacht haben: „Wenn hier zu lesen ist: ‚es war aber allda viel Gras‘ dann seht ihr, wie nützlich es ist, jetzt im Frühjahr die Wiesen richtig zu bearbeiten.“ Und dann kamen lauter praktische Anweisungen, wie man die Wiesen richtig zu bearbeiten hätte. Von einer anderen Gemeinde wird berichtet, dass man in einer Predigt über die Weihnachtsgeschichte davon hören konnte, wie vorteilhaft die Ernährung des Viehbestandes sei. Es ist klar, dass solche Predigten die Herzen kalt ließen, den Trauernden keinen Trost gaben und die Verirrten und Verzweifelten ohne Hilfe ließen. Der Besuch der Gottesdienste ließ mehr und mehr nach und das kirchliche Leben drohte zu verlöschen. Was braucht man da noch eine Kirche?

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