Beim Lesen der alten Akten stieß ich sowohl in dem Bericht der Regierung von 1841 als auch in dem Bericht des Präses Jacobi von 1842 immer wieder auf die Wirksamkeit des Karl Niermann, über den in unserer Gemeinde viel erzählt worden ist. Nach den Erzählungen unserer Alten soll er von den Bauern Butter und Eier übernommen und sie in seiner großen Kiepe nach Minden auf den Markt gebracht haben, um sie dort zu verkaufen. Berühmt wird an ihm seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Dazu hat mir ein alter Mann, der 1857 geboren worden war, folgende Begebenheit erzählt: Wenn Niermann in Minden für seine Produkte mehr, als erwartet, bekommen habe so habe er diesen Gewinn seinen Lieferanten voll ausgezahlt. Zwei seiner Berufskollegen ging diese Ehrlichkeit einfach zu weit. Um ihm das abzugewöhnen, lauerten sie ihm an einer einsamen Stelle auf und wollten ihn gründlich verprügeln. Niermann setzte sich weder zur Wehr, noch versuchte er zu fliehen, sondern trat ihnen furchtlos entgegen. Er forderte sie auf, doch auf ihn einzuschlagen. Dabei sagte er dem einen auf den Kopf zu, dass er innerhalb der nächsten beiden Jahre sterben würde, und dem anderen kündigte er an dass er im Alter eine Rückgratverkrümmung bekommen werde. Beide Voraussagen seien eingetroffen.Die Unerschrockenheit des alten Niermann aber habe die Bösewichte so beeindruckt, dass sie von ihrem Vorhaben abschließen und schleunigst das Weite suchten. Was sagen die Berichte über ihn aus? In dem Bericht die Regierung von 1841 steht: ‚Über seinen Charakter verlautet nichts Nachteiliges‘. Also auch seine vielen Gegner haben Ihnen keine Vergehen unterschieben können. Was man aber an ihm zu kritisieren hatte, geht aus dem Folgenden hervor: ‚der Häusler Niermann leitet nicht nur an seinem Wohnort, sondern in vielen Nachbargemeinden die fraglichen Zusammenkünfte. Er ist unermüdlich in seinen Bestrebungen, denselben Teilnehmer und Anhänger zu verschaffen, wirkt deshalb auf die einzelnen, namentlich auf Kranke ein, die er noch bekehren will, und widmet seine ganze Zeit teils solchen Bekehrungszwecken, teils Conventikelwesen. Er erzählt, wie zuerst am 22. Dezember 1838 der Herr sich ihnen offenbart habe! Es wird dann noch von einigen Erscheinungen berichtet, bei denen der Herr ihm erschienen sein. Auch der Bericht des Präses Jacobi erwähnt ihn an verschiedenen Stellen und nennt ihn einen Visionär, das heißt einen Mann, der Erscheinungen hat. Was Niermann nach 1842 weiter erlebt hat, ist aus den amtlichen Unterlagen nicht mehr zu ermitteln. Nach den Erzählungen soll er um 1850 mit seinen Verwandten nach Amerika ausgewandert sein. Leider sind die Akten über die Vernehmung Niermanns in Lübbecke nicht mehr aufzufinden. Ob darin noch mehr Visionen aufgeführt waren, als der Bericht der Regierung übernommen hat? So viel wird aber aus den Berichten deutlich: Karl Niermann leitete verschiedene Conventikel und das mit ausdrücklicher Billigung von Pastor Redeker in Gehlenbeck.Wenn Jacobi ihn einen Visionär nennt, so rückt er ihn damit in die Reihe der Männer und Frauen ein, die es in unserer Kirche immer wieder gegeben hat. Es waren Menschen, die sich ganz innig mit dem Herrn Jesus verbunden fühlten, die sich vor allen Dingen immer wieder in seinen Leitern und Sterben versenkt haben. So kommt es aus dem Verlangen, das zu schauen, was sie glauben, zu einer solchen Vision. Vorgezeichnet sind diese Erscheinungen in der Offenbarung des Johannes, wo auch vom kommenden Herrn, vom Erstarken des Unglaubens und von der Schlacht bei Harmagedon (Offenbarung 16,16) berichtet wird. So soll Niermann gerade von dieser letzten Schlacht viel erzählt haben.In diesen Zusammenhang gehören auch seine Visionen über unsere Kirche in Isenstedt. Es wird erzählt: in den Jahren zwischen 1840 und 1850 habe Niermann an der Stelle, an der unsere Kirche jetzt steht Orgelklang und Gemeindegesang gehört und die neue Kirche gesehen. Diese Kirche sollte dann in der letzten großen Schlacht bei Harmagedon zum Lazarett werden. Nichts, aber auch gar nichts deutete damals darauf hin, dass diese Visionen in Erfüllung gehen, denn an der Stelle, die Niermann bezeichnete und an der jetzt unsere Kirche steht, war ein Teich, indem man die Schafe vor der Schur gewaschen hat.

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Pfarrer Winkler

Er soll auch über die Pfarrer, die an dieser Kirche tätig sein würden, Einzelheiten mitgeteilt haben. So habe er gesagt, dass der erste Pfarrer nur einige Jahre bleiben würde, der zweite würde lange bleiben und manche Prozesse führen. Beide Voraussagen sind eingetroffen. Aber schon die Überlieferung seiner Aussagen über den dritten Pfarrer unserer Gemeinde sind nicht genau zu ermitteln. Hat er nun gesagt: „mit dem dritten Pfarrer kommt (das heißt in unserer Gemeinde) der Unglaube auf die Kanzel.“ Oder: „mit dem drittem Pfarrer kommt der Unglaube auf die Kanzel“ (d.h. während der Amtszeit des dritten Pfarrers unserer Gemeinde wird auf manchen Kanzeln der Unglaube gepredigt werden).

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Pfarrer Reinecke

Nun: in unserer Gemeinde ist der Unglaube bei dem dritten Pfarrer (meinem Vorgänger, Pastor Johannes Reinecke) nicht auf die Kanzel unserer Kirche gekommen; aber an vielen Orten kam der Unglaube auf die Kanzel, weil Pfarrer nicht mehr das Evangelium, sondern die Ideologie des Nationalismus von der Kanzel herab verkündigten.

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